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Buchbesprechung des schweizerischen Archivs

für Volkskunde, Basel 1985 (Heft. Nr. 2)


Der Heilige und das Schwein - Ein Traum, und was St. Antonius damit zu tun hat

Verlag Living Human Heritage; Münsterhof 16, 8001 Zürich Vertrieb Daimon Verlag, Einsiedeln

Zu: Versöhnung von Geist und Natur. Eine tiefenpsychologische Untersuchung am Beispiel der Figur des «Schweine-Antonius» oder des Heiligen Antonius des Eremiten.

Es hat mich als protestantisch Aufgewachsener überrascht zu sehen, wie katholische Gläubige manchmal auf einen ganz bestimmten Heiligen besonders tief bezogen sein können und diesem fast individuell gewählten ‘Schutzheiligen’ ein Leben lang die Treue halten. Ich habe den Eindruck, dass in diesem Fall meist nicht der Mensch den Heiligen ‘wählt’, sondern dass er von jenem berufen wird.

Ein analoger Vorgang hat zur Entstehung des vorliegenden kleinen Buches geführt: Die protestantisch erzogene Autorin, Volkskundlerin und Jungsche Analytikerin, hat vom Heiligen Antonius mit dem Kreuz geträumt und diesen Traum ernst genommen. Sie ist seinem Leben, seinen Visionen und seinen ikonographischen Attributen nachgegangen mit der Frage, was dieser Heilige uns Heutigen zu sagen hat. Wie Marie-Louise von Franz in ihrem Vorwort sagt, gehören die christlichen Heiligen zur Reihe jener grossen Persönlichkeiten, die in ihrem Leben «wesentliche Stufen dessen, was C. G. Jung als Individuationsprozess bezeichnet hat, durchlaufen haben». Solche Persönlichkeiten werden über ihren Tod hinaus verehrt und gleichsam zur lebendigen archetypischen Vorstellung ganzer Völker (S. 9). Der Heilige Antonius hat sich in seinem Einsiedlerdasein sich seine Teufelserfahrungen in besonderer Weise mit dem Bösen auseinandersetzen müssen. Es sind ja gerade die Teufelstänze um Antonius und die vielen Bilder, auf denen er von grotesken phantastischen Haustieren – das volkstümliche Interesse und die Zuneigung gebracht haben. Regina Abt zeigt, wie aktuell diese Auseinandersetzung mit dem Bösen in unserer Zeit ist, in der wir verständnislos vor dem drohenden Überhandnehmen des Bösen stehen, trotz all unseres Bemühens um die helle Seite. Sie amplifiziert dann mit reichen Parallelen die weiteren Attribute des Heiligen: das Feuer in seinem erleuchtenden und zerstörenden Aspekt; das Schwein, dem Antonius (entgegen seiner asketischen Lebensführung) auf den bildhaften Darstellungen liebevoll verbunden ist. Dieser Tatsache verdankt er seine Verehrung als Viehheiliger und Schutzpatron der Schweine, sie impliziert aber im weiteren Sinne neben einem tieferen Verständnis für die Tiere (denen im Unterschied zu den Menschen im Christentum keine Seele zuerkannt wurde, S. 68) auch eine Zuwendung zur Tier- und Instinktnatur im Menschen selber. Diese Seite hat ebensoviel mit der Triebhaftigkeit, der Körperlichkeit zu tun wie auch mit der Weisheit, dem ‘Wissen’ der seelischen Natur. In einem besonders schönen Kapitel wird die Glocke, ein weiteres Attribut des Heiligen, in den Zusammenhang von Glockenräuschen und -sagen gestellt und ihre Bedeutung als vox dei herausgearbeitet. Diese entspricht in tiefstem Sinne einem Gewissen, das sich nicht aus einem Sittenkodex verpflichtet ist, sondern der inneren Stimme, wie sie aus den eigenen Seelentiefräumen, dem Selbst, zu vernehmen ist. Interessanterweise ist das Sagen ja oft ein Schwein, welchem man zutraut, eine versunkene Glocke wieder auf- zuspüren. Mit dem eindrücklichen Kapitel über das Kreuz beschliesst die Autorin ihr Schrift; das Kreuz mit mehr verstanden als Abschreckungsmittel gegen die Dämonen und Teufel, sondern mit Berufung auf C. G. Jungs ‘Aion’ (Zürich 1951) als Symbol der Vereinigung der Gegensätze, des Ertrags von Hell und Dunkel, Gut und Böse.

• Regina Abt | lic. phil. l | dipl. analyt. Psychologin •